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STUDIENFAHRT 2012
NACH THERESIENSTADT / TEREZÍN, LIDICE UND PRAG
"Auf Spurensuche in Theresienstadt, Lidice und Prag"
> Begegnung mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen <
TERMIN: vom 20. bis 27. Oktober 2012
Die Anerkennung als Bildungsurlaubs wird für die Bundesländer Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Berlin angestrebt.
Ausführliche Informationen folgen.
Ausführliche Informationen zur Studienfahrt 2011 (PDF)
Flyer zur Studienfahrt 2011(PDF)
Bericht: Unsere Studienfahrt 2010
UNSERE STUDIENFAHRT
VOM 16. BIS 23. OKTOBER 2010
NACH TEREZÍN, LIDICE UND PRAG
In Fahrgemeinschaften erreichten am Samstag alle rechtzeitig Theresienstadt, sodass bis zum Abendessen alle Zimmer bezogen werden konnten.
Um 18 Uhr aßen wir gemeinsam in der Cafeteria der Gedenkstätte zu Abend. Anschließend gingen wir zur Weiche, zu den Gleisen. Hier schwiegen wir, nachdem die besondere Bedeutung dieser Stelle hervorgehoben worden war. Das Gedicht „Das ist der Weg nach Theresienstadt“ von Ilse Weber wurde in der Begegnungsstätte vorgetragen.
Auf dem Rückweg zur Begegnungsstätte II erzählten wir den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die das erste Mal mitfuhren, bereits das Wichtigste über das Mädchenheim. Und dann begann die Vorstellungsrunde, die fast zwei Stunden dauerte. Es ging weniger um die Erwartungen als vielmehr um den Grund der Teilnahme. Das Schweigen in den Familien nach dem Ende der NS-Herrschaft, eine Ahnung über eine eventuelle passive oder sogar aktive Mittäterschaft bewog einige zur Teilnahme; aber auch Neugierde, Theresienstadt und Lidice einfach nur kennenzulernen.
Die abendlichen Gespräche fanden in aller Gemütlichkeit im Clubraum im Keller statt.
Am Sonntag blieben wir in Theresienstadt. Yannick, der als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen dort arbeitet, führte uns am Vormittag durch die Stadt, das ehemalige Getto, und am Nachmittag durch die Kleine Festung, zur NS-Zeit das Gestapogefängnis. Es blieb noch genügend Zeit für den Besuch der Ausstellungen: die Ausstellung über die Gestapo im Protektorat und die in der Kleinen Festung in der ehemaligen SS-Kaserne, die sehr interessante Ausstellung über die Grube Richard und das Konzentrationslager Leitmeritz auf dem Frauenhof, die Geschichte der Kleinen Festung im Eingangsbereich.
Auf dem Weg der Häftlinge gingen wir zu Fuß nach Leitmeritz / Litoměřice, wo wir zu Abend essen wollten. Wir fanden ein gemütliches Lokal, ein Gewölbekeller mit gutem Essen, freundlicher Bedienung und interessanten Gesprächen.
Wir fuhren am Montag nach Lidice. Unterwegs kauften wir einen wunderschön gebundenen Strauß, den wir am Denkmal für die ermordeten Lidicer Kinder, stellvertretend für alle im Zweiten Weltkrieg umgekommenen Kinder, niederlegten.
–Leider entdeckten wir das neue Blumengeschäft in Terezín erst am nächsten Tag; sonst hätten wir natürlich dort gekauft. -
In Lidice begann unser Rundgang im Museum mit einem Film, der die Vorgeschichte und Geschichte des Münchener Abkommens, den Einmarsch in die ehemalige Tschechoslowakei, die Gründung des Protektorates Böhmen und Mähren, die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, die Grausamkeiten der Gestapo, das Attentat auf Reinhard Heydrich und die Zerstörung des friedlichen Dorfes Lidice zum Inhalt hatte. Fast eine Stunde blieben wir in der gut aufgemachten, nicht überladenen Ausstellung.
Im Gelände standen wir an dem Baum, der tatsächlich die totale Zerstörung Lidices überlebt hatte, vor den Ruinen von Horaks Gut, wo die Lidicer Männer vor ihrer Hinrichtung eingesperrt waren, vor der Erschießungsmauer. Am Massengrab der 173 erschossenen Männer wurde ein kurzer Zeitzeugenbericht über das Ausheben des Grabes vorgelesen.
Durch den Rosengarten gingen wir zur Galerie Lidice, wo unser Mittagessen bestellt war. Dort begrüßten uns der Bürgermeister, seine Stellvertreterin und Marie Šupiková.
Anschließend gingen wir zum Rathaus, wo das Gespräch mit den Zeitzeuginnen stattfand. Vorher informierte uns die stellvertretende Bürgermeisterin über die wirtschaftliche Lage des Ortes. Arbeitgeber in Lidice sind die Gedenkstätte, die Galerie mit Restaurant und ein kleines Lebensmittelgeschäft; etwa zehn Einwohnrer sind dadurch in Lidice beschäftigt, die anderen arbeiten auswärts, auf dem Flughafen und in Kladno arbeiten die meisten Einwohner, viele der laut Internet 473 Einwohner sind jedoch ohne Arbeit.
Und dann begann das Gespräch mit den beiden Damen:
Die inzwischen 88 Jahre alt gewordene Miloslava Kalibová begann. Sie informierte uns über die Geschichte Lidices und über ihre Zeit in Ravensbrück. Das Schicksal der Kinder war jedoch das Schlimmste für sie. Aus gesundheitlichen Gründen konnte ihre Schwester, die wir 2009 kennengelernt hatten, leider gar nicht kommen.
Dann übernahm Marie Šupiková das Wort. Sie schilderte sehr berührt, wie die Kinder – auch sie – den Müttern weggenommen wurden. Sie wurde in Polen im letzten Augenblick noch für „eindeutschungsfähig“ befunden und kam so in eine deutsch-polnische Familie: Aus Marie Doležalová wurde Ingeborg Schiller. Sie vergaß in dieser Zeit viele tschechische Wörter und konnte sich nach Kriegsende nur mühselig mit ihrer schwerkranken Mutter im Krankenhaus unterhalten, die bald danach verstarb.
Marie Šupiková hatte es in dieser Familie gut. Ihr „neuer Vater“ ermöglichte es, dass Marie nach dem Krieg schnell wieder zu ihrer Familie nach Tschechien zurückkehren konnte.
Ihr Bruder war der jüngste „Mann“, der in Lidice erschossen wurde, denn er war erst wenige Tage vor dem Massaker 15 Jahre alt geworden. Miloslava Kalibovás Schwester war die Jüngste der Lidicer Frauen in Ravensbrück und überlebte auf wundersame Weise das Konzentrastionslager, obwohl sie bereits damals gehbehindert und für viele Arbeiten daher ungeeignet war.
Über zwei Stunden dauerte diese Begegnung mit den beiden Zeitzeuginnen.
Zum Abendessen gingen wir in Terezín in die Pizzeria und ließen den Abend im Keller unserer Herberge ausklingen.
Dienstag, Tag der Zeitzeugin Doris Grozdanovičová.
Die über 80 Jahre alte Zeitzeugin wurde in Prag abgeholt. Wir hörten keinen Vortrag, sondern sie beantwortete unsere Fragen sehr ausführlich. Bewundernswert ist die Vitalität aller Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die wir in dieser Woche erleben durften.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen sahen wir uns den Film der Gedenkstätte „Fragmente eines Propagandafilmes“ an. Einige der gezeigten Personen erkannte die Zeitzeugin wieder; wir erfuhren, dass einige überlebt haben, denn die Mitwirkenden in dem Film wurden mit dem nächsten Transport nach Birkenau - zum Tod in der Gaskammer - geschickt. Anschließend gab dieser Film Anlass zu einer angeregten Diskussion.
Dann unternahmen wir noch einen kurzen Rundgang durch das Getto, kamen an dem Haus vorbei, in dem Doris Grozdanovičová einen Teil ihrer Gettozeit leben musste. Es war ihr nicht möglich, den Hof mit dem Blick auf die ehemalige Reithalle zu betreten. In der Magdeburger Kaserne schilderte sie das Leben in den Ubikationen. Mit den kurzen Hörproben aus der Kinderoper „Brundibár“ endete dieser Besuch.
Wir hatten nun noch Zeit, die Ausstellungen in der Magdeburger Kaserne und im Gettomuseum anzusehen. Die Arbeit von Doris Grozdanovičová bestand darin 76 Schafe zu hüten. Das Foto mit ihren Schafen haben dort alle gesehen.
Am Abend aßen wir im Parkhotel. Das gemütliche Beisammensein fiel etwas kürzer aus, denn morgen sollte es nach Prag gehen.
Mittwoch
Ein sehr interessanter Tag stand uns bevor. Wir waren von Frau Lieblová, der Vorsitzenden der Terezínská initiativa in die Jachymova zum Thema „Überlebende des Holocaust sprechen mit ihren Kindern“ eingeladen worden. Die Zeitzeuginnen Miková, Štichová, Lieblová, Herrmannová und Merová waren ebenfalls gekommen.
Sie alle haben erst sehr spät mit ihren Kindern darüber gesprochen, eigentlich nur, wenn sie gefragt wurden, d. h. sie haben ihre Fragen beantwortet. Keine der Damen hat den Kindern ihre schrecklichen Erlebnisse im Zusammenhang erzählt. Mit den Enkelkindern war es etwas anders. Und dann fragten sie uns und es wurde deutlich, dass auch in unseren Familien wenig über die Vergangenheit gesprochen wurde. Einige berichteten, dass Angehörige zu den Tätern gehörten, nicht zu den Massenmördern, aber auch, dass sie nicht ganz unschuldig waren, was sicherlich auch für die anwesenden Zeitzeuginnen neu und wichtig war.
Nach dem Mittagessen im Repräsentatenhaus neben dem Pulverturm gingen wir zu Fuß zur Nationalen Gedenkstätte der Heydrichiade, dem Ort der Versöhnung (Orthodoxe Kathedrale der Heiligen Cyrill und Methodius). Da gerade ein Film gedreht wurde, mussten wir eine Weile im Vorraum warten, hatten viel Zeit uns über den genauen Ablauf des Attentates auf Reinhard Heydrich und die Vorgeschichte zu informieren, und fanden dann auch noch Zeit für die Krypta. Wir hatten sogar das Glück, in die Kirche sehen zu können. Alle Teilnehmer fanden den Besuch dieser Kirche interessant, wurde hier doch die brutale Herrschaft der Gestapo besonders deutlich, eine gelungene Ergänzung zu Lidice.
Danach trennten sich unsere Wege. Mögliche Ziele waren: Karlsbrücke, Deutsche Botschaft um den Balkon zu sehen, Spanische Synagoge, Ausstellung „Transporte nach Weißrussland“.
Gegen Abend gingen wir von der Karlsbrücke über den Wenzelsplatz zum "Kelch", wo wir mit unseren Gästen speisen und klönen wollten.
Im „Kelch“ hatte sich Schwejk mit seinem Freund „ 18 Uhr nach dem Krieg“ wieder getroffen.
Anstrengende, hochinteressante Gespräche erwarteten uns im „Kelch“. An jedem Tisch saß mindestens eine Zeitzeugin oder ein Zeitzeuge, sodass wir alle reden konnten und gut informiert wurden. Auch persönliche Fragen wurden beantwortet.
Im Anschluss hatte niemand mehr Lust, trotz des guten Wetters noch zu Fuß auf den Hradschin zu gehen.
Am Donnerstag fuhren wir noch einmal nach Prag. Nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die das jüdische Viertel bereits kannten, blieben in Terezín. Das erste Ziel war Heydrichs Wohnsitz in Panenské Břežany. Ein Zeitzeuge hatte berichtet, er habe mit anderen aus dem Getto Theresienstadt im Garten arbeiten müssen. Frau Heydrich, immer bekleidet mit einem Reitanzug und einer Reitpeitsche, überwachte und kontrollierte die Arbeiten. Als einmal ein Graben nicht schnurgerade angelegt wurde, kamen dieMänner zurück ins Getto und wurden mit dem nächsten Transport nach Auschwitz deportiert.
Am Parkhotel gingen wir zur Gedenktafel, die an den Sammelpunkt der Deportationstransporte erinnert und die von der Künstlerin Helga Weissová-Hošková entworfen wurde.
Gegen 11 Uhr erreichten wir das Jüdische Viertel. Nach dem Besuch der Altneusynagoge, der Pinkassynagoge und des alten Friedhofes aßen wir im „Café Kafka“. Und dann ließen wir uns in den anderen Museen viel Zeit. In der Spanischen Synagoge endete dieser Rundgang. Besonders lange verweilten wir dort vor den Schaukästen, die über Theresienstadt informierten.
Einige Fahrtteilnehmer besuchten am Abend ein Konzert.
Die „Kulturbanausen“ aßen in einem Lokal mit tschechischer Küche, auf die die in sechs Sprachen verfasste Speisekarte besonders hinwies. Na ja, das war auch das einzige Positive. Wir waren und blieben die einzigen Gäste – verständlich – verzehrten unser Essen und verschwanden sehr schnell.
Nach diesem anstrengenden Tag fuhr eine Fahrgemeinschaft direkt nach Haus, während eine andere noch zum Hradschin hinaufstieg, dort ihre Runde machte und dabei feststellte, dass im Goldenen Gässchen gebaut wurde. Dann gingen sie auch noch zur Deutschen Botschaft und zum Balkon. Es war dunkel, alles war angestrahlt, und sie wurden so geblendet, dass sie den berühmten Balkon nur erahnen konnten, aber den davor stehenden Trabi auf seinen vier Menschenbeinen sahen sie. Als aus dem Nichts zwei Wachmänner auftauchten „unterhielten“ sie sich ein bisschen mit ihnen und beobachteten danach, wie alle Autos, die sich der US-Botschaft näherten, untersucht wurden, d. h. sie wurden von unten mittels eines Spiegels betrachtet. Nach einer kleinen Stärkung im Parkhotel fuhren auch sie nach Terezín zurück.
Am Freitag erhielt die Gruppe die Chance das Archiv in der Kleinen Festung zu besuchen. Nach einer kurzen Einführung konnten Fragen gestellt, gewünschte Dokumente eingesehen und sogar einige Kopien mitgenommen werden, allerdings nur zum persönlchen Gebrauch.
Wegen des Besuchs im Archiv ließen wir die Fahrt nach Leitmeritz / Litoměřice zur „Grube Richard“ (Zwangsarbeit) und zum Krematorium mit der kleinen Gedenkstätte ausfallen.
Um 14.30 Uhr brach die Gruppe zum Abschied nehmen auf. Vor der Hamburger Kaserne wurde das Gedicht „Polentransport“ von Ilse Weber, die in Auschwitz getötet wurde, vorgelesen. Hier erfolgte ein kurzer Vortrag über die Schleuse und den Transport, auch über die Widerstandsgruppe, deren Keimzelle in der Spedition war.
Wir folgten nun dem Weg der Gestorbenen: Leichenhalle, Zeremonienräume, Krematorium und jüdischer Friedhof. Im Krematorium verweilten wir recht lange und zündeten Kerzen an, die auf den Leuchter gestellt wurden, den der Niedersächsische Verein zur Förderung von Theresienstadt / Terezín e. V. 1996 mit dem inzwischen verstorbenen Zeitzeugen Hanuš Schimmerling aufstellen durfte.
Beim Rundgang über den Friedhof standen wir vor dem „Baum der Theresienstädter Kinder“, dem 2002 „ertrunkenen“ und dem nachgezüchteten Baum sowie dem Gedenkstein für die vielen unbestatteten Toten und das Theresienstädter Familienlager. Wir sahen die schwarzen Gedenksteine, die von Angehörigen für ihre Toten aufgestellt wurden, die muslimischen Grabsteine an der Umgrenzungsmauer auf dem russischen Kriegsgefangenenfriedhof des Ersten Weltkrieges und gingen am sowjetischen Friedhof durch den Bauschowitzer Kessel, wo Doris Grozdanovičová allein und unbewacht ihre 76 Schafe hütete, zurück zur Stadt.
Wir machten im Kolumbarium Halt, wo über 20.000 Urnen in Regalen gelagert worden waren, und gingen weiter zur Gedenkstelle an der Eger. Dort wurde am neuen großen Denkmal der Bericht Zvi Cohens vorgelesen, in dem er beschreibt wie er als 13-jähriger Junge und andere, Kinder und Erwachsene, die Asche in die Eger schütten mussten.
Zu 19 Uhr hatten wir das Abendessen in der Diakonie bestellt. Viele aßen an diesem letzten Abend in Tschechien noch einen Palatschinken, weil das Hauptgericht wegen fehlender Beilagen, die nämlich extra bestellt werden mussten, etwas bescheiden groß war. Trotzdem werden wir im nächsten Jahr dort wieder essen, nun wissen wir Bescheid.
Zum Schluss der Fahrt fand im gemütlichen Clubraum im Keller das abschließende Feedback statt: Es war eine gelungene Fahrt, wenn auch nicht alle Wünsche und Erwartungen erfüllt werden konnten. Es war eine gute Gruppe, niemand fühlte sich ausgeschlossen.
Samstag, Tag der Abreise.
Nach dem letzten gemeinsamen Frühstück in der Cafeteria der Gedenkstätte starteten die Fahrgemeinschaften zur Rückfahrt. Einige blieben noch einen Tag in Terezín, um am Abend noch ein Konzert im Kulturhaus zu besuchen.
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